Archive for the ‘Begriffe und Ansätze’ Category

Was ist sozialer Zusammenhalt?

26/01/2011

Die Grundwerte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit Geschwisterlichkeit stellen eine schon alte, aber immer noch hoch aktuelle Definition von sozialem Zusammenhalt dar. Allerdings sind diese Werte keine übergeordneten Ziele heutiger Politik.

Sozialer Zusammenhalt heißt:

  • ein gutes Leben für Alle (ohne dabei das gute Leben der anderen zu verhindern),
  • soziale Gerechtigkeit,
  • ein Sicherheitsnetz,
  • Glück

Widersprüchlich wurde der Zusammenhang zwischen sozialen Aufgaben, dem Staat und der Gemeinschaft diskutiert: Wie viel sozialer Zusammenhalt ist in einem Sozialstaat notwendig und erwünscht? Führt umfangreiche staatliche Sicherung dazu, dass sozialer Zusammenhalt im Sinne von Nachbarschaftshilfe weniger wird? Ist es nicht auch so, dass von der Politik ein stärkerer sozialer Zusammenhalt eingefordert wird, weil sich der Staat immer stärker von sozialen Aufgaben zurück zieht?
AG Definition

  • Gesellschaftlicher Grundkonsens (Menschenrechte)
  • Solidarität (füreinander da sein, wenn man gebraucht wird)
  • Funktionierende soziale Netzwerke

Peter Mlczoch

Sozialer Zusammenhalt wird heute vielfach statt dem Begriff „Solidarität“ verwendet. Er bezeichnet somit entweder gesellschaftlich hergestellte Solidarität durch den Wohlfahrtsstaat oder persönliche Solidarität in der Stadt/Stadtteil/Nachbarschaft etc.

Im Zusammenhang mit Sozialkapital (der Begriff geht auf Pierre Bourdieu zurück) wird unterschieden in bonding social capital, bridging social capital und linking social capital. Unter bonding versteht man Innergruppenzusammenhalt, unter bridging den Zusammenhalt über Gruppen hinweg und unter linking den Zusammenhalt über verschiedene Ebenen hinweg.
Es besteht eine Tendenz im aktivierenden „neosozialen“ Sozialstaat, in bonding und bridging sozialen Kapitals zu investieren, während linking social capital eher abgebaut wird.
Problem für den sozialen Zusammenhalt sind horizontale und vertikale soziale Ungleichheiten. Diese entstehen / verstärken sich durch die Herausbildung von Milieus mit unterschiedlichen Wertesystemen und Interessen. Diese Milieus stehen sich in einer globalen und digitalen Marktwirtschaft auch als KonkurrentInnen gegenüber. Die Konkurrenzlinien können sowohl vertikal verlaufen, also zwischen unterschiedlichen Milieus (→ Segregation), als auch horizontal innerhalb und gegenüber ähnlichen Milieus.
Christoph Stoik

Sozialer Zusammenhalt benennt eine Problematik, die gleichzeitig sowohl eine existenzielle als auch eine spezifisch kapitalistische ist: Existenziell bezieht sich die Problematik auf den Umstand, dass jede Person eine Identität erwerben will, die sie besonders und einzigartig macht und gleichzeitig eben diese Person mit anderen verbunden sein will (Spannung von Autonomie und Verbundenheit). Die spezifisch kapitalistische Problematik besteht darin, dass Kapitalismus eine Produktionsweise ist, die ständig alles Fixe umwirft und Neues schafft. Dies untergräbt Ordnung und Sicherheit und erschwert Geborgenheit und Zusammenhalt. Solange der Wachstumsimperativ fortbesteht (in der EU propagiert über das Oberziel Wettbewerbsfähigkeit) ist es schwer, sozialen Zusammenhalt zu gewährleisten.
Andreas Novy/Sarah Habersack

„Der soziale Zusammenhalt einer Gesellschaft drückt sich in der Bereitschaft ihrer Mitglieder aus, solidarisch zu handeln … . Den sozialen Zusammenhalt zu fördern, ist das Ziel jeglicher Art von Sozialpolitik“ (aus dem Wörterbuch der Sozialpolitik  auf „sozialinfo“ Schweiz, http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=598)
„Bedingungen für Solidarität können soziale Ähnlichkeiten, gemeinsame Wertorientierungen, extreme Bedrohungen oder die Einsicht sein, dass eine Gesellschaft auseinander fällt, wenn sich deren Mitglieder vorwiegend am Eigennutz orientieren. Solidarität kann auch den Einsatz für ein Gemeinwesen bedeuten, das niemanden ausschließt“ (eigene Hervorhebung) (aus dem Wörterbuch der Sozialpolitik  auf „sozialinfo“ Schweiz, http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=598)
„Voraussetzung für den sozialen Zusammenhalt ist die soziale Gerechtigkeit, das bedeutet, dass niemand von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen wird.
Gerechtigkeitskonzeptionen gehen davon aus, dass Gerechtigkeit oder soziale Gerechtigkeit sich auf die Probleme der Verteilung von immateriellen wie materiellen Gütern bezieht. Für solche Güter gilt, dass sie zur Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse notwendig und sowohl knapp als auch begehrt sind. Es handelt sich 1. um Grundrechte (….), 2. um Freiheiten und Chancen (etwa politische und gesellschaftliche Partizipation) und 3. um Einkommen und Vermögen.“ (aus dem Wörterbuch der Sozialpolitik  auf „sozialinfo“ Schweiz, http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=598)
Es geht dabei nicht nur um die gleichen Rechte für alle Mitglieder der Gesellschaft sondern auch um die gleichen Chancen, diese Rechte auch durchzusetzen.
Antonia Coffey

Die Aussage der og. Definition: „Den sozialen Zusammenhalt zu fördern, ist das Ziel jeglicher Art von Sozialpolitik“ (aus dem Wörterbuch der Sozialpolitik  auf „sozialinfo“ Schweiz
http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=598) ist zwar korrekt, in dem sie die politischen Realitäten beschreibt, aber genau darin wurde der Mechanismus gesehen, der zu den heutigen Problemen führt: Wenn sich nur Sozialpolitik sich um „das Soziale“ kümmert, sind gesellschaftliche Probleme vorprogrammiert. Wirtschaftspolitik und andere Politikfelder sind an gänzlich anderen Werten wie „Wettbewerb, Leistung und Kapitalvermehrung“ ausgerichtet. Die letztgenannten Politikfelder erzeugen genau die Probleme, die in der Sozialpolitik bearbeitet werden. Wenn dann auch noch Probleme in der Wirtschaft auftreten, kommt die Sozialpolitik aufgrund zu geringer Mittel mit dem „Reparieren“ der in den anderen Politikfeldern erzeugten Schäden gar nicht mehr hinterher.
AG Definition

„Sozialer Zusammenhalt“ ist ein Begriff aus der Sozialpolitik, der Politikwissenschaft und der Soziologie. Mit „Sozialem Zusammenhalt“ wird die Verbindung (der „Klebstoff“) beschrieben, durch den soziale Gruppen in einer Gesellschaft, die durch eine kulturelle Vielfalt gekennzeichnet ist, zusammenhalten resp. zusammengebracht werden. Sozialer Zusammenhalt ist also ein facettenreicher Begriff für verschiedene Arten von sozialen Phänomenen des verbunden Seins.

Seit der Politik des „Dritten Weges“ von Tony Blair und als Reaktion auf die Unruhen in den nordenglischen Industriestädten im Sommer 2001 wird der Begriff ‚social cohesion‘ häufig verwendet. „Sozialer Zusammenhalt“ bezeichnet vor allem die Zielsetzung einer Politik (des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Rassen und Klassen (Im Deutschen wird der Begriff „Rasse“, – aus gutem Grund – kaum verwendet. In der anglo-amerikanischen Fachliteratur ist jedoch die Thematisierung von „race“ und „class“ eine übliche Diktion.)) und weniger deren Vorgehensweise, Erfolgsindikatoren oder Zielerreichungsgrade.

Die Hauptlinien, an denen ein mangelnder gesellschaftlicher Zusammenhalt konstatiert wird, sind die zwischen Arm und Reich, zwischen Nationalitäten, Ethnien und Rassen. Ziel sozialen Zusammenhalts ist es, über diese Grenzlinien hinweg eine Solidarität der Gemeinschaft zu entwickeln.

Für Überlegungen zum Zusammenhalt ist auch die Maßstäblichkeit des Territoriums relevant: Zusammenhalt kann in der Familie, in der Schulklasse, im Stiegenhaus, im Wohnblock, in der Straße, im Grätzel, in der Stadt, in der Region, im Bundesland, im Nationalstaat, in der EU, in Europa etc. hergestellt werden. Dabei überlagern sich die Ebenen und können sich widersprechen (beispielsweise kann es sein, dass die Wertvorstellungen in bestimmten Grätzeln nicht mit den Wertemustern der Gesamtstadt zusammenpassen). In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, dass der Stadtsoziologe Hans-Paul Bahrdt (1970) die These aufgestellt hat, dass Stadtgesellschaften immer durch eine partielle Integration gekennzeichnet gewesen sind.
Jens Dangschat

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Welche Ziele werden verfolgt, wenn von sozialem Zusammenhalt gesprochen wird?

26/01/2011

e nach gesellschaftlicher Position und der damit verbundenen Perspektive ist das Ziel, das mit dem Gebrauch des Begriffs „Sozialer Zusammenhalt“ verknüpft wird, unterschiedlich. Während Menschen in ihrem persönlichen Umfeld und in ihrem Wohnumfeld Toleranz und konfliktfreien Umgang miteinander sowie die gegenseitige Unterstützung – auch bei der Durchsetzung gerechtfertigter Interessen (Solidarität) mit „Sozialem Zusammenhalt“ verbinden, wird „Sozialer Zusammenhalt“ „von oben“, also von Institutionen auf internationaler oder nationaler Ebene als Begriff verwendet, der sich primär auf die Akzeptanz der herrschenden politischen und wirtschaftlichen Ordnung stützt, oder zumindest auf das Fehlen einer breiten Protestbewegung. So wird zum Beispiel die Anzahl der Streiktage von der OECD als Maß für geringen sozialen Zusammenhalt gewertet, die Menschen, die sich „unten“ zusammenschließen erleben dieses aber gerade als sozialen Zusammenhalt.
AG Definitionen

Das Ziel von sozialem Zusammenhalt ist es, dass Menschen in all ihrer Diversität und Besonderheit in einer Gesellschaft in Gleichheit (Zugang zu Ressourcen, politisches Mitspracherecht, gleiche Möglichkeiten ihre Lebensziele umzusetzen) zusammenleben können.

Die Problematik sozialen Zusammenhalts erfordert die Fähigkeit der Widerspruchsbearbeitung: Menschen sind gleich und einzigartig; Stadtteile sollen vielfältig, aber nicht fragmentiert, gleich, aber nicht monoton, durchmischt, aber nicht polarisiert sein.

Die Problematik sozialen Zusammenhalts erfordert auch die Identifizierung von Potentialen zu seiner konstruktiven Bearbeitung. Dies erfordert einerseits Wissen (über Strukturen und die konkrete Situation) und andererseits Beteiligung (Partizipation vor Ort und demokratische Gestaltung der Regeln – z.B. Revision des zum Sozialdumping verleitenden Standortwettbewerbs, wie ihn das Oberziel der Wettbewerbsfähigkeit festschreibt).
Andreas Novy/Sarah Habersack

Ziel bei der Stärkung sozialen Zusammenhalts aus der Perspektive der Gemeinwesenarbeit ist die Organisation von Interessensausgleich und Aushandlungs- und Kommunikationsprozessen (auch konflikthaft) mit dem Wissen, dass strukturelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Veränderungen aus der Perspektive der GB-Arbeit/GWA/Sozialen Arbeit thematisiert werden können, aber nur begrenzt bearbeitbar sind.
Christoph Stoik

Wichtigstes Ziel ist die Reduzierung sozialer Ungleichheiten. Auf der Ebene der Gemeinwesenarbeit, die ja nicht die Möglichkeit hat, die sozialen Ungleichheiten zu beseitigen, gilt es, alle Anstrengungen zu unternehmen, diese zumindest zu reduzieren bzw. einen Ausgleich herzustellen.

Wertschätzung, Toleranz, gegenseitiges Vertrauen und Begegnung auf Augenhöhe zwischen allen AkteurInnen sind nicht nur Ziele bei der Beteiligung aller an gesellschaftlichen Prozessen, sondern auch eine Voraussetzung dafür.
Antonia Coffey

Ziel in Bezug auf sozialen Zusammenhalt ist es, möglichst viele unterschiedliche Personen mit ihren unterschiedlichen Interessen in politische Entscheidungsprozesse einzubinden. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen unterstützt den sozialen Zusammenhalt. Wichtig ist, Mitgestaltungsmöglichkeiten für unterschiedliche Zielgruppen zu schaffen.
Andrea Binder Zehetner

Wir wünschen uns mehr sozialen Zusammenhalt und haben Angst, dass er weniger wird.
Peter Mlczoch

Wer braucht sozialen Zusammenhalt?

26/01/2011

Alle. Wenn der soziale Zusammenhalt funktioniert, der ja maßgeblich von existierender Gleichheit (oder besser gesagt von einer nicht allzu großen Ungleichheit) in einer Gesellschaft abhängig ist, dann ist für alle (auch die Eliten und Reichen) die Lebensqualität höher!
Siehe das Buch von Wilkinson und Pickett: Gleichheit ist Glück.
Andreas Novy/Sarah Habersack

Wir alle (=die Gesellschaft)
Von Isolation besonders betroffene Personen(gruppen)
Peter Mlczoch

Wir alle, besonders Menschen in Krisen und Notfällen.
Sonja Stepanek

Sozialer Zusammenhalt ist hilfreich für alle, auf der persönlichen Ebene bedeutet sozialer Zusammenhalt, dass jede einzelne Person ein Netz hat, das sie unterstützt. Gesellschaftlich gesehen bedeutet sozialer Zusammenhalt, dass alle StadtbewohnerInnen Zugang zu Beteiligungsprozessen, zu politischen Entscheidungsprozessen, zu Bildung und anderen Ressourcen haben, dass Gleichberechtigung und Chancengleichheit besteht. Sozialer Zusammenhalt vermeidet gesellschaftliche Polarisierungen z.B. Städte mit einer Menge „gated communities“.
Andrea Binder-Zehetner

Alle! Das Auseinanderbrechen des Gesellschaftlichen Zusammenhalts führt zu sozialen Unruhen und Gewalt wie zum Beispiel in den Banlieues in Frankreich oder auch in Deutschland. Mangelnder sozialer Zusammenhalt betrifft auch die privilegierten Mitglieder der Gesellschaft und gefährdet letztlich auch die Demokratie.
Antonia Coffey

Ist Segregation ein Problem?

26/01/2011

Auch „Gated Communities“, Kleingartensiedlungen oder Themenwohnen sind Ausdruck von Segregation, aber wenn ZuwanderInnen auch unter sich sein wollen, heißt es: Achtung Parallelgesellschaft. Aber die Statistik alleine (Anzahl der MigrantInnen) in einem Viertel sagt wenig bis nichts über das soziale Zusammenleben aus. Um genaueres zu erfahren, muss man die Quartiere analysieren: welche Gruppen gibt es? Wie sind sie strukturiert?
AG: Sozialen Zusammenhalt herstellen

Segregation ist in der Gesellschaft bezeichnender Weise nur dann ein Thema, wenn es sich um sozial benachteiligte Gruppen handelt. Niemand kritisiert die z. B. „Gated Communities“, abgezäunte und bewachte Wohnsiedlungen reicher BürgerInnen in den USA, oder die Villenviertel in fast allen Großstädten, die ausschließlich Wohlhabenden vorbehalten sind.

Für sozial benachteiligte Gruppen, vor allem für ZuwanderInnen, die mit Unsicherheiten und Ängsten in der für sie neuen Umgebung zu kämpfen haben und sich darüber hinaus oft mit Diskriminierungen, Vorurteilen und Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft  konfrontiert sehen, können die sozialen Netze der eigenen Gruppe eine Unterstützung und Anerkennung bedeuten.
Oft ergibt sich eine Konzentration sozial benachteiligter Gruppen einfach aus dem Vorhanden sein von billigem Wohnraum.
Antonia Coffey

In der Stadtsoziologie ist die These formuliert worden, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen dazu neigen, sich an bestimmten Wohnstandorten zu konzentrieren (Segregation). Das Ausmaß der Segregation wird dann als ein Indikator der gesellschaftlichen Des-Integration angesehen.

Daraus ist die Forderung nach einem ‚social mix‘ entstanden, der in Europa – neben einigen StadtforscherInnen – von Stadtverwaltungen und der Lokalpolitik weitgehend getragen und verfolgt wird. Man glaubt, dass ‚social mix‘ die soziale Kohäsion garantiere, zumindest aber „ermögliche“ (insbesondere, wenn Einrichtungen wie die GB tüchtig helfen). Die Idee dahinter kommt aus der Sozialpsychologie und ist als „Kontakthypothese“ bekannt: Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass man „Andere“ trifft, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man mit den „Anderen“ soziale Kontakte aufnimmt. Durch die Kontakte verringern sich Vorurteile und Verunsicherungen/Ängste, man gewinnt Vertrauen, lernt die „Anderen“ besser kennen, man kann die „Anderen“ besser verstehen, sich in sie (und ihre Lage) besser herein versetzen und es entstehen Freundschaften – das ist die Theorie.

Die Praxis sieht jedoch idealtypisch zweigeteilt aus: Unter selbstbewussten, gut sich artiku­lierenden Menschen, die über ausreichend (Aus-)Bildung verfügen, so dass sie sich zufrie­denstellend im Arbeitsmarkt positioniert haben und einigermaßen optimistisch hinsichtlich der Zukunft sind – da funktioniert diese These. Umgekehrt, wo diese Vorzeichen anders sind, Verunsicherung über die eigene soziale Lage besteht, die Achtung seitens der Mitmenschen zurückgeht, dort verstärken sich Ängste und Vorbehalte, dort wird der soziale Abstieg befürchtet resp. im Abstieg wird aggressiver gekämpft. Wenn dann dort eine Gruppe sichtbar wird, die andere Werte hat und lebt, dann ist das Gefühl, dort, wo man wohnt, noch das Sagen zu haben, in Gefahr und man pocht auf das Recht auf Leitkultur.

Zudem ist unklar, wie man einen ‚social mix‘ herstellen kann. Über Ausländeranteile, die man nach oben begrenzt? Es gibt mittlerweile Hinweise aus der empirischen Sozialforschung, wonach der Ausländeranteil nichts aussagt über eine gelungene Integration und sozialen Zusammenhalt. Es kommt vielmehr darauf an, was vor Ort passiert, welche Personen und Institutionen vor Ort wie tätig sind, es sind also – technisch gesprochen – die intervenierenden Variablen, die zählen, auch die Interventionen.

Es gibt empirische Arbeiten aus den U.S.A., Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Deutschland, mit denen versucht wurde, einen (positiven) Quartierseffekt durch ‚social mix‘ zu ermitteln. Diese kommen zu extrem mageren Ergebnissen: Sie schwanken zwischen „kein Effekt“ bis zu „minimalem Effekt“ (nach anderen Überblicksartikeln soll die maximale erklärte Varianz 8% betragen, d.h. über 92% der Einflüsse weiß man bisher nichts! (Man muss sich nur einmal vorstellen, dass ein solches Maß an Unkenntnissen im ökologischen Bereich bestünde. Was würde passieren: a) Ein Aufschrei der Bevölkerung!!! (gerade der kritischen), b) ein massives Auftreten von Umweltschutz-Verbänden mit entsprechenden Gutachten hinsichtlich des bevorstehenden Weltuntergangs, c) ein Aufschrei der Universitäten mit scharf formulierten Petitionen an die Ministerien, die Kanzler und Präsidenten mit einer beeindruckend langen Liste an honorigen Herren (ein paar Damen auch), mit vereinzelten Nobelpreisträgern, d) eine Aktion der Arbeiterkammer zusammen mit den Wirtschaftskammern, die sich um Arbeitsplätze und die Konjunktur fürchten, e) die Kirchen mahnen, die Schöpfung zu achten, f) die nationale Politik etabliert erst einen Ausschuss und dann ein außertourliches Forschungsprogramm und interveniert bei der EU, dieses Thema im nächsten Rahmenprogramm prominent zu berücksichtigen. Das ist beim Smart-City-Programm tatsächlich auch so geschehen; es wird im nächsten Rahmenprogramm mit 70 Milliarden Euro gefördert werden.) Friedrichs ist der Meinung, dass die individuellen Effekte die Ortseffekte deutlich übertreffen.

Warum die Ergebnisse nicht besser sind, liegt zum einen an den quantitativen Methoden, die auf Strukturdaten angewiesen sind, zum anderen an der Schwierigkeit, die unterschiedlichen Quartierseffekte zu kontrollieren, zumal sehr wesentliche gar nicht erst betrachtet werden – weil man sie nicht in der Statistik findet! (und die kritischen Rationalisten diese daher auch gar nicht kennen, wie beispielsweise „Habitus des Ortes“). Es liegt aber drittens auch an den ‚potscherten‘ Strategien (beispielsweise durch den Zubau von Eigentumswohnungen in „Problemgebieten“, weil man dabei zwar eine statistische Mischung bekommt, tatsächlich aber Parallelgesellschaften erzeugt, von denen man nicht weiß, wie integrativ diese sich entwickeln werden). Ganz niederschmetternd ist ein Befund von Atkinson & Kearns, dass die Tatsache, ob man (sehr geringe) Nachbarschaftseffekte misst oder eben keine feststellt, eher von der gewählten Untersuchungsmethode oder den Interpretationskünsten der WissenschaftlerInnen abhängt.
Jens Dangschat

Sind Parallelgesellschaften ein Problem?

26/01/2011

„Parallelgesellschaften“ werden nur dann zum Problem, wenn sie einerseits den sozialen Aufstieg ihrer Mitglieder verhindern oder wesentlich erschweren, zum Beispiel weil der Zugang zur Bildung verstellt ist, oder weil interne gesellschaftliche Strukturen einzelnen ihrer Mitglieder die gesellschaftliche Teilhabe außerhalb der Community verwehren oder diese zu verhindern suchen.
Antonia Coffey

Moderne Gesellschaften bestanden analytisch gesehen immer aus „Parallelgesellschaften“. Dieser gegen bestimmte ethnische Unterschichten gerichtete Kampfbegriff ist entweder aus dem Vokabular zu streichen oder systematisch auf die diversen Milieus, die eine moderne Stadt als Mosaik bilden, auszuweiten.
Andreas Novy/Sarah Habersack

Der öffentliche Diskurs über Parallelgesellschaften lässt außer Acht, dass eine Gesellschaft mit einer Vielzahl von Milieus – nicht nur abhängig von kultureller Herkunft – Gesellschaftsteile produziert, die über sehr unterschiedliche Wertesysteme verfügen (z.B. BewohnerInnen ländlicher Gemeinden in Niederösterreich und Cosmopoliten in Wien ….). Ein Interessensaustausch und Kommunikation zwischen diesen Milieus würde den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Diese Austauschprozesse sind aber nicht nur lokal zu organisieren, sondern müssen insbesondere über Umverteilung im Sozialstaat gestaltet werden, bzw. im Zugang zu öffentlichen Institutionen (v.a. Bildung, aber auch Medien).
Christoph Stoik


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