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Die Identifikation von Etablierten und Außenseitern als Ansatz für das Thema „Sozialer Zusammenhalt“

26/01/2011

Das Etablierten-Außenseiterkonzept von Elias ist hilfreich bei Fragen der sozialen Ausgrenzung.

Ausgrenzungsprozesse sind oftmals Gruppenprozesse, bei denen sich schon länger an einem Ort befindliche und stärker integrierte (= enger zusammengeschlossene) Gruppen gegen schwächere Neuankömmlinge wehren. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei nach Elias die „Interdependenz“ also die beiden Gruppen müssen in einem (engen) (Abhängigkeits-) verhältnis zueinander stehen.
Im Grunde geht es bei diesen Gruppenprozessen um Macht und um soziale Vorrangstellung. Nach Elias kann ein wesentlicher Aspekt der Macht einer sozialen Gruppe auf dem sozialen Alter dieser Formation beruhen. „Ältere“ Gruppen waren vorher da und leiten daraus ihre Vorrangstellung ab. Zudem verfügen sie in der Regel über engere Kontaktakte zueinander.

Mächtige Gruppen:

  • Hoher Gruppenzusammenhalt /Integrationsgrad (Kohäsionspotenzial)
  • Hoher Organisationsgrad
  • Kollektive Identifizierung
  • Gemeinsame Normen
  • Sozialer Vorrang (Monopolisierung wichtiger sozialer Positionen) für Gruppenangehörige

Interdependente machtlosere Gruppen:

  • Schwacher Integrationsgrad der stigmatisierten Gruppe (oftmals: Neuankömmlinge)
  • Ausschluss der stigmatisierten Gruppe aus wichtigen sozialen Positionen (oftmals: Neuankömmlinge)

Mächtige Gruppen bauen ein spezifisches „Gruppencharisma“ auf, das ist ein spezifischer Wert, den nur Gruppenmitglieder haben. Analog zum „Gruppencharisma“ der mächtigeren Gruppe wird die „Gruppenschande“ der schwächeren Gruppe konstruiert, diese wird damit stigmatisiert und geschwächt. Während das Selbstbild der mächtigen Gruppe auf Basis der „besten Eigenschaften der besten Mitglieder“ erzeugt und aufrechterhalten wird (positive pars pro toto Verzerrung), wird das Fremdbild der machtloseren Gruppe auf Basis der „schlechtesten Eigenschaften der schlechtesten Mitglieder“ erzeugt und aufrecht erhalten (negative pars pro toto Verzerrung).

Mächtige Gruppen glauben, menschlich besser zu sein, als die andere, interdependente Gruppe. Dies kann – bei einem steilen Machtgefälle – so weit führen, dass die interdependente, machtlosere Gruppe selbst den Glauben übernimmt, menschlich schlechter zu sein. Es wird also auch das Selbstbild der machtloseren Gruppe auf Basis der „schlechtesten Eigenschaften der schlechtesten Mitglieder“ erzeugt und aufrecht erhalten.

Der Preis für die Teilhabe am Gruppencharisma („Lustprämie“) ist die Unterwerfung unter die spezifischen Gruppennormen, die meist bestimmte Muster der Affektkontrolle sind (Lustopfer). Bei Nichteinhalten der Normen droht die Gefahr des Ausschlusses aus der Gruppe der Etablierten. Auch der Kontakt mit Mitgliedern der machtlosen, interdependenten Gruppe kann „verboten“ sein, sie sind quasi „ansteckend“ und der Bruch dieser Norm kann zum Ausschluss aus der Etabliertengruppe führen. Die Mitglieder der interdependenten, machtloseren Gruppe hingegen gehorchen den Normen der mächtigen Gruppe nicht (z.B. Sauberkeitsnormen, die aber auch in Verbindung mit einem niedrigeren Lebensstandard stehen können), so bestätigen sie in den Augen der Etablierten immer wieder ihren geringeren Wert.

Das Kohäsionspotenzial in der Gruppe der Mächtigen wird durch soziale Kontrolle aktiviert.

  • Mächtige Gruppen:
    Soziale Kontrolle erzeugt „Lobklatsch“ für normgerechtes Verhalten in der eigenen Gruppe und für die eigene Gruppe per se (Bestätigung des Gruppencharismas)
  • Interdependente machtlosere Gruppen:
    Soziale Kontrolle erzeugt „Schimpfklatsch“ für Normverstöße von Mitgliedern der eigenen Gruppe und für die machtlosere Gruppe (Bestätigung der Gruppenschande)

Norbert Elias „Etablierte und Außenseiter“
Andrea Breitfuss

Das Wissen über die soziale Struktur und Ordnung in einer Gesellschaft ist ausgesprochen wichtig für das Verständnis der Mechanismen, die sozialen Zusammenhalt fördern oder behindern. Wer sind die sozialen Gruppen und über welche Differenzierungsmerkmale organisiert sich eine Gesellschaft? Diese Merkmale müssen kontextualisiert und hinterfragt werden, um zu verstehen wer von (multipler) Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen ist.
Andreas Novy/Sarah Habersack

Wie kann man zwischen unterschiedlichen Gruppen Kommunikation / Gemeinsamkeiten herstellen?

26/01/2011

Es braucht einen vorbereitenden Machtausgleich zwischen den Gruppen, spezielle Settings, in denen Austausch möglich ist – die Entwicklung der Settings sollte auch gemeinsam mit den Betroffenen geschehen.
Christoph Stoik

Es braucht Mittler, die persönliche Kontakte zur jeweiligen Gruppe haben oder schaffen; und es braucht Formen (Orte), die verschiedene Gruppen nicht abschrecken.
Peter Mlczoch

Wenn man zwischen unterschiedlichen Gruppen Kommunikation herstellen möchte, ist es hilfreich, mit verschiedenen Methoden zu arbeiten, z.B. nonverbal durch Theaterspiel, Fotografien, Rundgänge, Visionen/Bilder, Besichtigungen, Besuche, helfende Hände.
Sonja Stepanek


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