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Was stärkt den sozialen Zusammenhalt?

26/01/2011

Sozialer Zusammenhalt kann durch folgende Aspekte gestärkt werden:

  • Stadtteilmanagement in allen Gebieten mit (Ver-)änderungen (auch in Neubaugebieten):
    Veränderungen in ihrer Umgebung beunruhigen Menschen: Alte Netzwerke zerfallen – neue entstehen nicht von alleine. Vertrautes gilt mitunter nicht mehr – Neuem und „Neuen“ (BewohnerInnen) wird mit Misstrauen begegnet. Stadtteilmanagement kann eine Plattform für Begegnung herstellen und gemeinsame Aktivitäten von „Eingesessenen“ und „ZuwanderInnen“ (das sind alle neu zuziehenden BewohnerInnen, egal woher sie kommen) fördern.
  • „Tacheles“ reden (sagen, was Sache ist) zu den Themen Zuwanderung und Diversität.
  • Österreich ist ein Zuwanderungsland und Wien ist in vielen Bereichen nur durch Migration lebensfähig geblieben bzw. urban (bunt) geworden. Das ist eine irreversible Tatsache – Jammern oder gar fremdenfeindliche Parolen sind kontraproduktiv und fehl am Platz.
  • Kultur der „Beschönigung“ hinterfragen – Diskurs und Kritik sind notwendig.
  • Probleme – auch im Zusammenleben – gibt es und sie sollen auch benannt werden, damit sie konstruktiv bearbeitet werden können. Neue Lösungen sind nur auf Basis eines kritischen Diskussionsprozesses möglich.
  • Sicherung von preiswertem Wohnraum
  • Durch die Liberalisierung des Mietrechtes und durch Sanierungstätigkeit gehen preiswerte Wohnungen verloren. Armutsbekämpfung heißt auch, billigen Wohnraum zu sichern bzw. neu zu errichten. Die Wohnbauförderung muss verstärkt Wohnraum für Einkommensschwache fördern.
  • Differenziertes Wissen und Handeln, Verknüpfen verschiedener Dimensionen.
  • Da es für städtische Probleme keine einfachen (eindimensionalen) Lösungen gibt, braucht es mehr Reflexion und praxisrelevante Forschung. Trans-disziplinäre Ansätze bieten die Chance, Wissen von Akteuren aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und Forschungsfeldern zur Lösungssuche nutzbar zu machen.
  • Lokale Identitäten herstellen.
    In der globalisierten Welt kann das Grätzel einen überschaubaren Lebensbereich bilden, in dem soziale Netzwerke und Identifikation möglich sind.
  • Lokale „Corporate Social Responsibility“
    Betriebe tragen auf lokaler Ebene derzeit wenig zur Förderung von Engagement im Stadtteil bei. Dieses Potential gehört erschlossen – auch zum Vorteil der Betriebe, die lokale Kundschaft binden können.
  • Auf Verunsicherte zugehen.
    Die Ängste vieler BürgerInnen (die bei der Wahl zu einem Rechtsruck geführt haben) müssen erforscht und ernst genommen werden. Nur so lassen sich Lösungsansätze für berechtigte Sorgen finden.
  • Politische Perspektiven – Diskussion fehlt.
    Großen politischen Parteien sind wahrnehmbare Perspektiven verloren gegangen. Statt Rückzugsgefechten zur Besitzstandswahrung sind offene Diskussionsprozesse zur gesellschaftlichen Zukunft gefragt.
  • Mentalitätsänderung
    „If You always do, what You always did, You’ll always get, what You always got”! („Wenn Du immer nur das tust, was Du ohnehin immer schon getan hast, wird immer nur das herauskommen, was immer schon herauskam”)

AG Zusammenhalt herstellen

Die Herstellung eines allgemeinen Klimas der Toleranz und der Wertschätzung gegenüber Lebensstilen und Gewohnheiten, die als „anders“ oder „fremd“ empfunden werden stärkt sozialen Zusammenhalt. Das Akzeptieren unterschiedlicher Bedürfnisse und der Versuch, hier einen Ausgleich herzustellen, Kompromisse auszuhandeln.

Aktionen, die das Erkennen und die Stärkung und Nutzung von vorhandenen Potentialen fördern, sowie das von einander und gemeinsame Lernen und die gegenseitige Hilfe zwischen Menschen unterschiedlicher Gruppierungen (Alte – Junge; Gesunde – Kranke; Frauen – Männer, Berufstätige – nicht Berufstätige, alt Eingesessene – Zugezogene,  Familien – Singles, etc.)
Antonia Coffey

Einerseits mehr Gleichheit! Andererseits die soziale Kompetenz, mit anderen Denk- und Handlungsweisen umzugehen und Integration anders zu verstehen als als Assimilierung.
Andreas Novy/Sarah Habersack

Soziale Sicherheit, Aufklärung, Wissen über Gesellschaft und gesellschaftliche Prozesse, Kompetenzerwerb (Diskussion, Verhandeln, Durchsetzen) und Kommunikation stärken den sozialen Zusammenhalt.
Christoph Stoik

Einander kennen lernen, Gemeinsamkeiten erleben, z.B. in Organisationen wie Vereinen, Clubs, bei ehrenamtlicher Tätigkeit in Pfarren und anderen (Religions-)gemeinschaften.
Über horizontale Gemeinsamkeiten (Kochen, Kinder, kreative Aktivitäten, Ausflüge, Sport!..) kann sozialer Zusammenhalt gestärkt werden.
Sozialer Zusammenhalt gelingt nur, wenn Rückzugsräume / Platz für alle geboten werden, sei es in den privaten Wohnungen oder „Gemeinschaftsräumen“, öffentlichen Räumen, wie Parks.
Sonja Stepanek

  • Gemeinsames Handeln (Vereine, Kochen, Singen)
  • Die Sprache der anderen lernen
  • Räume schaffen, die Begegnung erleichtern

Peter Mlczoch

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Indikatoren für sozialen Zusammenhalt und ihre Bedeutung

26/01/2011

Da sozialer Zusammenhalt nicht definierbar ist, sondern nur als Problematik bearbeitbar, können auch keine Indikatoren für sozialen Zusammenhalt, sondern einzig für Aspekte des sozialen Zusammenhalts identifiziert werden. Die wichtigsten Indikatoren sind auf jeden Fall Gleichheitsmaße. Abgeleitete Phänomene betreffen die Lebensqualität als Ausdruck der Zufriedenheit. Bei Konflikten wird es schon schwieriger, da es manchmal besser ist, wenn Konflikte offen ausgetragen werden als unter dass sie unter dem Teppich „Fäulnis“ erzeugen (und langfristig noch schwerer bearbeitbar werden).
Andreas Novy/Sarah Habersack

Um sozialen Zusammenhalt zu messen, verwendet die Europäische Kommission die folgenden Indikatoren:

  • Armutsrisiko (Anteil an Personen, deren „bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen“ (EU-weit gültige Standardisierung (auf der Ebene der Nationalstaaten berechnet), bei der die Kostensätze nach der Zahl und der Art der Mitglieder des Haushaltes berechnet werden und so über alle Haushalte vergleichbar sind.) weniger als 60 % des Mittelwertes (Median) aller nationalen Einkommen beträgt)
  • Intensität des Armutsrisikos (gemessen an der Intensität der Armutsrisikorate im Ländervergleich)
  • Einkommensungleichheit (gemessen am Anteil der 20 % mit dem höchsten Einkom­men in einem Land im Vergleich zu den 20 % mit dem geringsten Einkommen)
  • Ungleichheiten in Gesundheit (gemessen an der Lebenserwartung)
  • Bildungsergebnisse (gemessen an frühen Schulabgängern), und Bildung von Humankapital
  • Zugang zum Arbeitsmarkt (Anteil der Menschen, die in arbeitslosen Haushalten leben im Vergleich zu allen Menschen der gleichen Altersgruppe)
  • Finanzielle Nachhaltigkeit von sozialen Sicherungssystemen (Hochrechnung der öf­fentlichen Sozialausgaben)
  • Angemessenheit der Renten (das relative mittlere Einkommen älterer Menschen (65+) gegenüber allen anderen (0 bis 64 Jahre)
  • Ungleichheiten im Zugang zu Gesundheitsfürsorge (noch keine genauere Definition – länderspezifisch)
  • Verbesserte Lebensbedingungen, die aus ökonomischem Wachstum resultieren (Ar­mutsrisikorate wird zu einem bestimmten festgelegten Zeitpunkt gemessen und mit ökonomischem Wachstum in Beziehung gebracht, Ländervergleich)
  • Beschäftigungsraten älterer Arbeitnehmer (gemessen an den Altersgruppen 55-59-Jährige und 60-65-Jährige)
  • Armut „in Arbeit“ (Menschen, die als beschäftigt gelten, aber für die trotzdem ein Ar­mutsrisiko gilt)
  • Teilnahme am Arbeitsmarkt (Anteil an Beschäftigten und Arbeitslosen zwischen 15 und 64 Jahren in der Bevölkerung)
  • Regionaler Zusammenhalt (gemessen an unterschiedlichen regionalen Beschäfti­gungsraten) (Europäische Kommission 2006: 7-13).

Die OECD (2006) geht im ersten Schritt von Indikatoren aus, die personelle Unterschiede im sozialen Zusammenhalt widerspiegeln:

  • Die Teilnahme an politischen Wahlen und
  • das Vertrauen der Bürger in ihre politischen Institutionen

sind zwei Dimensionen, die zeigen, in welchem Ausmaß Individuen integriert sind und am sozialen Leben teilhaben.
Die subjektive Lebenszufriedenheit kann direkt das Wohlbefinden der Individuen, aber auch indirekt den Zusammenhalt der Gesellschaft messen.
Darüber hinaus gibt es Indikatoren, welche einen tieferen sozialen Zusammenhalt (oder einen geringeren/keinen Zusammenhalt) einer Gesellschaft als Ganzes messen können:

  • Das Ausmaß von Selbstmorden
  • Die Anzahl von Gefängnisinsassen
  • Die Anzahl von Streiks gibt Auskunft über das konsensfähige Wesen industrieller Bezie­hungen
  • Hohe Raten von Arbeitsunfällen spiegeln oft mangelnde Schutzmaßnahmen wider, die Arbeiter betreffen

Aus dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass hier die Maßstabsebene von Nationalstaaten, Bundesländern, Regionen, allenfalls (Groß)städten angesprochen werden. Für Grätzel haben insbesondere die Indikatoren der Europäischen Kommission Bedeutung, weil danach die Zielgebiets-Regelungen, d.h. die „Bedürftigkeit“ / die „Problemlage“ ermittelt wird, wonach ein „Problemgebiet“ in die Förderung aufgenommen werden kann. Auch hier ist zu beachten, dass lediglich Strukturdaten -> verwendet werden (weil nur diese ansatzweise in der Statistik vorhanden sind).

„Verstanden“ wird auf diese Weise die Herausforderung nicht, denn es ist noch nicht einmal gesichert, ob eine als „problematisch“ bezeichnete Grenze wirklich ein „Problem“ beschreibt (und, wenn ja: Welches?)

Verstanden wird das „Problem“ auf der Ebene von Politik und Verwaltung ohnehin nicht, weil die „treibenden Kräfte“, die Verursacher in der Regel (oft auch in der Wissenschaft) ausge­blendet werden, sondern man konzentriert sich auf die Sichtbarkeit, die Erscheinungsformen, wenn die Kohäsion nicht funktioniert. Das Ausblenden macht aber „Sinn“, denn andernfalls wären die Entscheider im politisch-administrativen System kaum in der Lage, ihr Handeln fortzusetzen. Globalisierung verstärkt die Obsession, Wirtschaftswachstum (um nahezu jeden Preis) in zunehmender Konkurrenz zwischen Regionen zu betreiben. Ein neo-liberal gesteuerter Kapitalismus wirkt keinesfalls sozial integrativ (Statistiken hierzu im ESPON-Bericht 1.1.1 auf der Ebene der Nationalstaaten und der Regionen, ich selbst habe das für Hamburg auf der Stadtteilebene auch zeigen können). Die vordringlich wirtschaftsfördernde Politik schafft eben nicht mehr – wie in den „goldenen 1960er bis 1980er Jahren, in Ö auch 1990er Jahren – „automatisch“ eine sozialstaatlich geförderte soziale Integration, sondern die politischen Einheiten verschulden sich durch ihre Wachstumsstrategien zunehmend und werden entsprechend handlungsunfähiger.

Auslöser für eine zunehmende Des-Integration sind also die Veränderungen in der globalen Ökonomie und deren Steuerung, weil dort über regionale Beschäftigungsrisiken, trans-nationale Wanderungen und Verunsicherungen der Bevölkerung „entschieden“ wird. Politik und Verwaltung sind insofern ratlos, als die fordistischen Regulationssysteme der Nationalstaaten nicht (mehr) funktionieren, sie sind unrund geworden, sie müssen „nachgebessert“ werden – ein Streit der „Ideologien“ (s.u.).

Auf der Ebene der alt-industriellen Regionen oder aber in den herunter gefilterten Stadtteilen wachsender Städte werden durch am Wohnungsmarkt forcierte Konzentrationseffekte die sozialen Friktionen sichtbar, können skandalisiert werden und werden in der Regel mit „Feuerwehrpolitik“ bekämpft.
Jens Dangschat


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