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Ist Segregation ein Problem?

26/01/2011

Auch „Gated Communities“, Kleingartensiedlungen oder Themenwohnen sind Ausdruck von Segregation, aber wenn ZuwanderInnen auch unter sich sein wollen, heißt es: Achtung Parallelgesellschaft. Aber die Statistik alleine (Anzahl der MigrantInnen) in einem Viertel sagt wenig bis nichts über das soziale Zusammenleben aus. Um genaueres zu erfahren, muss man die Quartiere analysieren: welche Gruppen gibt es? Wie sind sie strukturiert?
AG: Sozialen Zusammenhalt herstellen

Segregation ist in der Gesellschaft bezeichnender Weise nur dann ein Thema, wenn es sich um sozial benachteiligte Gruppen handelt. Niemand kritisiert die z. B. „Gated Communities“, abgezäunte und bewachte Wohnsiedlungen reicher BürgerInnen in den USA, oder die Villenviertel in fast allen Großstädten, die ausschließlich Wohlhabenden vorbehalten sind.

Für sozial benachteiligte Gruppen, vor allem für ZuwanderInnen, die mit Unsicherheiten und Ängsten in der für sie neuen Umgebung zu kämpfen haben und sich darüber hinaus oft mit Diskriminierungen, Vorurteilen und Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft  konfrontiert sehen, können die sozialen Netze der eigenen Gruppe eine Unterstützung und Anerkennung bedeuten.
Oft ergibt sich eine Konzentration sozial benachteiligter Gruppen einfach aus dem Vorhanden sein von billigem Wohnraum.
Antonia Coffey

In der Stadtsoziologie ist die These formuliert worden, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen dazu neigen, sich an bestimmten Wohnstandorten zu konzentrieren (Segregation). Das Ausmaß der Segregation wird dann als ein Indikator der gesellschaftlichen Des-Integration angesehen.

Daraus ist die Forderung nach einem ‚social mix‘ entstanden, der in Europa – neben einigen StadtforscherInnen – von Stadtverwaltungen und der Lokalpolitik weitgehend getragen und verfolgt wird. Man glaubt, dass ‚social mix‘ die soziale Kohäsion garantiere, zumindest aber „ermögliche“ (insbesondere, wenn Einrichtungen wie die GB tüchtig helfen). Die Idee dahinter kommt aus der Sozialpsychologie und ist als „Kontakthypothese“ bekannt: Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass man „Andere“ trifft, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man mit den „Anderen“ soziale Kontakte aufnimmt. Durch die Kontakte verringern sich Vorurteile und Verunsicherungen/Ängste, man gewinnt Vertrauen, lernt die „Anderen“ besser kennen, man kann die „Anderen“ besser verstehen, sich in sie (und ihre Lage) besser herein versetzen und es entstehen Freundschaften – das ist die Theorie.

Die Praxis sieht jedoch idealtypisch zweigeteilt aus: Unter selbstbewussten, gut sich artiku­lierenden Menschen, die über ausreichend (Aus-)Bildung verfügen, so dass sie sich zufrie­denstellend im Arbeitsmarkt positioniert haben und einigermaßen optimistisch hinsichtlich der Zukunft sind – da funktioniert diese These. Umgekehrt, wo diese Vorzeichen anders sind, Verunsicherung über die eigene soziale Lage besteht, die Achtung seitens der Mitmenschen zurückgeht, dort verstärken sich Ängste und Vorbehalte, dort wird der soziale Abstieg befürchtet resp. im Abstieg wird aggressiver gekämpft. Wenn dann dort eine Gruppe sichtbar wird, die andere Werte hat und lebt, dann ist das Gefühl, dort, wo man wohnt, noch das Sagen zu haben, in Gefahr und man pocht auf das Recht auf Leitkultur.

Zudem ist unklar, wie man einen ‚social mix‘ herstellen kann. Über Ausländeranteile, die man nach oben begrenzt? Es gibt mittlerweile Hinweise aus der empirischen Sozialforschung, wonach der Ausländeranteil nichts aussagt über eine gelungene Integration und sozialen Zusammenhalt. Es kommt vielmehr darauf an, was vor Ort passiert, welche Personen und Institutionen vor Ort wie tätig sind, es sind also – technisch gesprochen – die intervenierenden Variablen, die zählen, auch die Interventionen.

Es gibt empirische Arbeiten aus den U.S.A., Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Deutschland, mit denen versucht wurde, einen (positiven) Quartierseffekt durch ‚social mix‘ zu ermitteln. Diese kommen zu extrem mageren Ergebnissen: Sie schwanken zwischen „kein Effekt“ bis zu „minimalem Effekt“ (nach anderen Überblicksartikeln soll die maximale erklärte Varianz 8% betragen, d.h. über 92% der Einflüsse weiß man bisher nichts! (Man muss sich nur einmal vorstellen, dass ein solches Maß an Unkenntnissen im ökologischen Bereich bestünde. Was würde passieren: a) Ein Aufschrei der Bevölkerung!!! (gerade der kritischen), b) ein massives Auftreten von Umweltschutz-Verbänden mit entsprechenden Gutachten hinsichtlich des bevorstehenden Weltuntergangs, c) ein Aufschrei der Universitäten mit scharf formulierten Petitionen an die Ministerien, die Kanzler und Präsidenten mit einer beeindruckend langen Liste an honorigen Herren (ein paar Damen auch), mit vereinzelten Nobelpreisträgern, d) eine Aktion der Arbeiterkammer zusammen mit den Wirtschaftskammern, die sich um Arbeitsplätze und die Konjunktur fürchten, e) die Kirchen mahnen, die Schöpfung zu achten, f) die nationale Politik etabliert erst einen Ausschuss und dann ein außertourliches Forschungsprogramm und interveniert bei der EU, dieses Thema im nächsten Rahmenprogramm prominent zu berücksichtigen. Das ist beim Smart-City-Programm tatsächlich auch so geschehen; es wird im nächsten Rahmenprogramm mit 70 Milliarden Euro gefördert werden.) Friedrichs ist der Meinung, dass die individuellen Effekte die Ortseffekte deutlich übertreffen.

Warum die Ergebnisse nicht besser sind, liegt zum einen an den quantitativen Methoden, die auf Strukturdaten angewiesen sind, zum anderen an der Schwierigkeit, die unterschiedlichen Quartierseffekte zu kontrollieren, zumal sehr wesentliche gar nicht erst betrachtet werden – weil man sie nicht in der Statistik findet! (und die kritischen Rationalisten diese daher auch gar nicht kennen, wie beispielsweise „Habitus des Ortes“). Es liegt aber drittens auch an den ‚potscherten‘ Strategien (beispielsweise durch den Zubau von Eigentumswohnungen in „Problemgebieten“, weil man dabei zwar eine statistische Mischung bekommt, tatsächlich aber Parallelgesellschaften erzeugt, von denen man nicht weiß, wie integrativ diese sich entwickeln werden). Ganz niederschmetternd ist ein Befund von Atkinson & Kearns, dass die Tatsache, ob man (sehr geringe) Nachbarschaftseffekte misst oder eben keine feststellt, eher von der gewählten Untersuchungsmethode oder den Interpretationskünsten der WissenschaftlerInnen abhängt.
Jens Dangschat

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Was sagen die bisher zugänglichen Statistiken über sozialen Zusammenhalt aus?

26/01/2011

Von Segregationsindices kann man wenig über den tatsächlichen sozialen Zusammenhalt ablesen, denn Statistische Maße wie z.B. Segregationsindices bauen auf Strukturdaten auf: Ausländeranteil (auch nach Nationalitäten aufgeschlüsselt), Anteil der Personen mit Migrationshintergrund, Alte, Arme, Arbeitslose etc. Dahinter steht die Vorstellung, dass alle Menschen innerhalb einer Kategorie (Migrant, Österreicher) nahezu das Gleiche denken, wollen und tun. Das war vielleicht in den 1970er Jahren so – das ist aber mit Sicherheit heute nicht mehr der Fall. Menschen sind komplexer, als das man das mit einzelnen Indikatoren beschreiben kann (eben nicht nur „Mann“ oder „Frau“, „TürkIn“ oder „ÖsterreicherIn“), sondern sie unterscheiden sich vor allem nach dem Bildungsgrad und der Schichtzugehörigkeit, nach dem sozialen Milieu und nach der „Kultur der Peers“ und der „Kultur des Ortes“.
Jens Dangschat

Wichtig ist eine Betrachtung des Themas „Sozialer Zusammenhalt“ auf verschiedenen Ebenen: Global, EU, Land, Stadt, Bezirk, Grätzel, Nachbarschaft, Familie, (Mikro-, makro) und deren Verknüpfung. Zur Steuerung des sozialen Zusammenhalts braucht man Zugang zu Gruppen auf der lokalen Ebene. Qualitative Anhaltspunkte (Glücksindikatoren) sollten stärker einbezogen werden, nicht immer nur „negative“ Ansätze heranziehen, das würde einiges objektivieren oder anders darstellen.
AG Zusammenhalt messen und verstehen


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