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Indikatoren für sozialen Zusammenhalt und ihre Bedeutung

26/01/2011

Da sozialer Zusammenhalt nicht definierbar ist, sondern nur als Problematik bearbeitbar, können auch keine Indikatoren für sozialen Zusammenhalt, sondern einzig für Aspekte des sozialen Zusammenhalts identifiziert werden. Die wichtigsten Indikatoren sind auf jeden Fall Gleichheitsmaße. Abgeleitete Phänomene betreffen die Lebensqualität als Ausdruck der Zufriedenheit. Bei Konflikten wird es schon schwieriger, da es manchmal besser ist, wenn Konflikte offen ausgetragen werden als unter dass sie unter dem Teppich „Fäulnis“ erzeugen (und langfristig noch schwerer bearbeitbar werden).
Andreas Novy/Sarah Habersack

Um sozialen Zusammenhalt zu messen, verwendet die Europäische Kommission die folgenden Indikatoren:

  • Armutsrisiko (Anteil an Personen, deren „bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen“ (EU-weit gültige Standardisierung (auf der Ebene der Nationalstaaten berechnet), bei der die Kostensätze nach der Zahl und der Art der Mitglieder des Haushaltes berechnet werden und so über alle Haushalte vergleichbar sind.) weniger als 60 % des Mittelwertes (Median) aller nationalen Einkommen beträgt)
  • Intensität des Armutsrisikos (gemessen an der Intensität der Armutsrisikorate im Ländervergleich)
  • Einkommensungleichheit (gemessen am Anteil der 20 % mit dem höchsten Einkom­men in einem Land im Vergleich zu den 20 % mit dem geringsten Einkommen)
  • Ungleichheiten in Gesundheit (gemessen an der Lebenserwartung)
  • Bildungsergebnisse (gemessen an frühen Schulabgängern), und Bildung von Humankapital
  • Zugang zum Arbeitsmarkt (Anteil der Menschen, die in arbeitslosen Haushalten leben im Vergleich zu allen Menschen der gleichen Altersgruppe)
  • Finanzielle Nachhaltigkeit von sozialen Sicherungssystemen (Hochrechnung der öf­fentlichen Sozialausgaben)
  • Angemessenheit der Renten (das relative mittlere Einkommen älterer Menschen (65+) gegenüber allen anderen (0 bis 64 Jahre)
  • Ungleichheiten im Zugang zu Gesundheitsfürsorge (noch keine genauere Definition – länderspezifisch)
  • Verbesserte Lebensbedingungen, die aus ökonomischem Wachstum resultieren (Ar­mutsrisikorate wird zu einem bestimmten festgelegten Zeitpunkt gemessen und mit ökonomischem Wachstum in Beziehung gebracht, Ländervergleich)
  • Beschäftigungsraten älterer Arbeitnehmer (gemessen an den Altersgruppen 55-59-Jährige und 60-65-Jährige)
  • Armut „in Arbeit“ (Menschen, die als beschäftigt gelten, aber für die trotzdem ein Ar­mutsrisiko gilt)
  • Teilnahme am Arbeitsmarkt (Anteil an Beschäftigten und Arbeitslosen zwischen 15 und 64 Jahren in der Bevölkerung)
  • Regionaler Zusammenhalt (gemessen an unterschiedlichen regionalen Beschäfti­gungsraten) (Europäische Kommission 2006: 7-13).

Die OECD (2006) geht im ersten Schritt von Indikatoren aus, die personelle Unterschiede im sozialen Zusammenhalt widerspiegeln:

  • Die Teilnahme an politischen Wahlen und
  • das Vertrauen der Bürger in ihre politischen Institutionen

sind zwei Dimensionen, die zeigen, in welchem Ausmaß Individuen integriert sind und am sozialen Leben teilhaben.
Die subjektive Lebenszufriedenheit kann direkt das Wohlbefinden der Individuen, aber auch indirekt den Zusammenhalt der Gesellschaft messen.
Darüber hinaus gibt es Indikatoren, welche einen tieferen sozialen Zusammenhalt (oder einen geringeren/keinen Zusammenhalt) einer Gesellschaft als Ganzes messen können:

  • Das Ausmaß von Selbstmorden
  • Die Anzahl von Gefängnisinsassen
  • Die Anzahl von Streiks gibt Auskunft über das konsensfähige Wesen industrieller Bezie­hungen
  • Hohe Raten von Arbeitsunfällen spiegeln oft mangelnde Schutzmaßnahmen wider, die Arbeiter betreffen

Aus dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass hier die Maßstabsebene von Nationalstaaten, Bundesländern, Regionen, allenfalls (Groß)städten angesprochen werden. Für Grätzel haben insbesondere die Indikatoren der Europäischen Kommission Bedeutung, weil danach die Zielgebiets-Regelungen, d.h. die „Bedürftigkeit“ / die „Problemlage“ ermittelt wird, wonach ein „Problemgebiet“ in die Förderung aufgenommen werden kann. Auch hier ist zu beachten, dass lediglich Strukturdaten -> verwendet werden (weil nur diese ansatzweise in der Statistik vorhanden sind).

„Verstanden“ wird auf diese Weise die Herausforderung nicht, denn es ist noch nicht einmal gesichert, ob eine als „problematisch“ bezeichnete Grenze wirklich ein „Problem“ beschreibt (und, wenn ja: Welches?)

Verstanden wird das „Problem“ auf der Ebene von Politik und Verwaltung ohnehin nicht, weil die „treibenden Kräfte“, die Verursacher in der Regel (oft auch in der Wissenschaft) ausge­blendet werden, sondern man konzentriert sich auf die Sichtbarkeit, die Erscheinungsformen, wenn die Kohäsion nicht funktioniert. Das Ausblenden macht aber „Sinn“, denn andernfalls wären die Entscheider im politisch-administrativen System kaum in der Lage, ihr Handeln fortzusetzen. Globalisierung verstärkt die Obsession, Wirtschaftswachstum (um nahezu jeden Preis) in zunehmender Konkurrenz zwischen Regionen zu betreiben. Ein neo-liberal gesteuerter Kapitalismus wirkt keinesfalls sozial integrativ (Statistiken hierzu im ESPON-Bericht 1.1.1 auf der Ebene der Nationalstaaten und der Regionen, ich selbst habe das für Hamburg auf der Stadtteilebene auch zeigen können). Die vordringlich wirtschaftsfördernde Politik schafft eben nicht mehr – wie in den „goldenen 1960er bis 1980er Jahren, in Ö auch 1990er Jahren – „automatisch“ eine sozialstaatlich geförderte soziale Integration, sondern die politischen Einheiten verschulden sich durch ihre Wachstumsstrategien zunehmend und werden entsprechend handlungsunfähiger.

Auslöser für eine zunehmende Des-Integration sind also die Veränderungen in der globalen Ökonomie und deren Steuerung, weil dort über regionale Beschäftigungsrisiken, trans-nationale Wanderungen und Verunsicherungen der Bevölkerung „entschieden“ wird. Politik und Verwaltung sind insofern ratlos, als die fordistischen Regulationssysteme der Nationalstaaten nicht (mehr) funktionieren, sie sind unrund geworden, sie müssen „nachgebessert“ werden – ein Streit der „Ideologien“ (s.u.).

Auf der Ebene der alt-industriellen Regionen oder aber in den herunter gefilterten Stadtteilen wachsender Städte werden durch am Wohnungsmarkt forcierte Konzentrationseffekte die sozialen Friktionen sichtbar, können skandalisiert werden und werden in der Regel mit „Feuerwehrpolitik“ bekämpft.
Jens Dangschat

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