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Ist Refraiming ein Lösungsansatz?

26/01/2011

Refraiming kann Sinn machen, wenn mit Spannungsfeld zw. Anknüpfen an Alltagssprache (ein Ohr für die Menschen zu haben) und dem Anregen von Reflexions- und Aufklärungsprozessen  umgegangen werden muss (Begriffe zwischen alltagssprachlich: „Tschuschenproblem“ und wissenschaftlich: „Austauschprobleme zwischen Milieus“. Refraimt wäre z.B. „Probleme beim Zusammenleben“.
Christoph Stoik

Die Geschichte des sozialen Zusammenhalts neu zu erzählen halten wir für ganz wichtig. So wird Wirklichkeit neu geordnet. Ein Beispiel:

Die Gemeinderatswahl 2010 kann als Plebiszit für oder gegen „Integration“ interpretiert werden. Sozialer Zusammenhalt ist wird als ein Problem dargestellt, das durch ethnisch bedingte Konflikte entsteht. Die Lösung des Problems wird dann von allen Seiten auf kulturellen Gebiet gesucht: Assimilierung/Ausgrenzung/Rassismus auf der einen Seite, interkulturelles Lernen/Toleranz/Multikulturelle Gesellschaft auf der anderen. Die Folge ist eine Gesellschaftsspaltung in eine „Elite“, die sich als weltoffen versteht, und eine „Masse“, die Christoph Stoik Veränderungen zunehmend als Bedrohung wahrnimmt. Eine derartige Spaltung verhindert sozialen Zusammenhalt. Nachbarschaftsarbeit erfolgt unter schwierigen Rahmenbedingungen, und kann nur als Kampf gegen Windmühlen allgemeiner Vorurteile verstanden werden.

Ein Verständnis von sozialem Zusammenhalt als Problematik (wie dies im Rahmen von Social Polis geschieht) vermittelt ein anderes Bild. Demnach verschärft neoliberale Politik (Privatisierung, Liberalisierung, Auslagerung, Sparpakete), wie sie in Europa seit zwei Jahrzehnten praktiziert wird, soziale Spaltungen und reduziert die politische Handlungsfähigkeit (Kürzung von Sozialausgaben). Damit kann den polarisierenden Dynamiken kapitalistischer Akkumulation politisch nicht mit der gleichen Wirksamkeit entgegengetreten werden wie zur Blütezeit des Wohlfahrtsstaats. Die Folge ist eine zunehmende Verunsicherung weiter Bevölkerungsteile (der ganzen Mittel- und Unterschicht; erstere haben Abstiegsängste, letztere sind abgestiegen) und ein kulturelles Auseinanderdriften von Mittel- und Unterschicht und von „besseren“ und „schlechteren“ Wohngegenden. Während also sowohl Mittel- als auch Unterschicht durch die Veränderungen am Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik gleichermaßen negativ betroffen sind, verstärkt sich die kulturelle Distinktion, die am Themenfeld der Diversität (Gender, Ethnie, Lebensstil, …) besonders deutlich wird.

These (2) wird durch die starke soziale und räumliche Polarisierung des Wahlergebnisses gestützt. Nachbarschaftsarbeit könnte einen wichtigen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leisten, wenn sie als lokale Initiative verstanden wird, um die Konflikte und Folgen neoliberaler Politik zu bearbeiten, und gleichzeitig lokale Ansatzpunkte einer modernen, kontextuell ausgerichteten Wohlfahrtsstaatlichkeit jenseits des Neoliberalismus liefert. Letzteres setzt voraus, die lokale Arbeit als ein Moment eines Mehr-Ebene-Ansatzes zu verstehen, der lokales Empowerment mit der Forderung nach ausreichender städtischen und nationalen Finanzierung und einem zeitgemäßen Konzept von European Social Citizenship verbindet.
Andreas Novy/Sarah Habersack

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